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Gespräch: Adel Dauood mit Michael Wimmer / Educult

Anlässlich der Ausstellung:

Salon der Kulturen - Shifting Memories

trifft auf Syrian Links

EDUCULT im Gespräch mit Adel Dauood

Adel Dauood wurde 1980 in Al-Hasakah in Syrien geboren. Von 1998 bis 2011 absolvierte er Studien am Zentrum der Bildenden Künste in Al-Hasaka sowie am Institut für Bildende Künste an der Universität Damaskus. Vor drei Jahren flüchtete Adel Dauood von Syrien nach Wien, wo er nun als Künstler arbeitet und lebt. 2014 wurde er vom ESSL Museum aus 756 BewerberInnen ausgewählt, im Rahmen der Ausstellung >die zukunft der malerei< seine künstlerische Arbeiten zu präsentieren. Es folgten weitere Ausstellungen in Galerien im europäischen und arabischen Raum.

Seit 10. November findet in den Räumlichkeiten von EDUCULT die Ausstellung SHIFTING MEMORIES statt, bei der Adel Dauood neben Tina Greisberger und Philipp Renda im Rahmen des Salons der Kulturen der auf Syrian Links trifft einige seiner aktuellen Werke präsentieren wird.

 

EDUCULT: Gerne möchten wir Sie zu Beginn fragen, was Sie uns gerne erzählen wollen und in Ihrer derzeitigen Situation für Sie von besonderer Relevanz ist.

Adel Dauood: Ich möchte gerne von meinem derzeitigen Leben hier in Wien und Österreich erzählen, mit dem Hintergrund, dass ich syrischer Flüchtling bin. Es geht mir nicht darum, von der Vergangenheit zu erzählen oder über meine Zukunft zu sprechen, ich lebe im Moment. Derzeit geht es in meinem Leben viel darum, die Vergangenheit zu bewältigen und mir hier ein Leben aufzubauen.
 

EDUCULT: In unseren bisherigen Gesprächen im Rahmen der Reihe „EDUCULT im Gespräch“ haben wir viel über die Vergangenheit gesprochen und darüber, wie man aus dem Vergangenen auch neue Perspektiven gewinnen kann. Oft ging es darum, Hürden zu überwinden bzw. mit ihnen zurechtzukommen. Sind diese Themen für Sie auch künstlerisch von Bedeutung? Oder ist Ihre künstlerische Arbeit vielmehr eine Erinnerung an die Vergangenheit oder der Wunsch nach einer besseren Zukunft? Zeigen sich Perspektiven in Ihrer Arbeit oder geht es vielmehr darum einen Ausdruck für das Leid, das passiert ist, zu finden?

Adel Dauood: Meine Arbeit ist wahrscheinlich immer ein Ausdruck für all diese Fragen, aber ich blicke auf die Dinge, sehe und verstehe sie nur aus dem Moment heraus, auch die vergangenen. Vielleicht würde ich die Geschichte ganz anders sehen, wenn ich ein anderes Leben hätte.

EDUCULT: Spielen Ihre persönlichen Erlebnisse aus der Vergangenheit in Ihrer aktuellen Arbeit eine Rolle?

Adel Dauood: Natürlich kann ich meine Erlebnisse und Erinnerungen nicht einfach löschen. Sie sind ein Teil von mir, Teil meiner Persönlichkeit. Aber ich blicke auf sie nun aus meiner momentanen persönlichen Perspektive und lasse sie so in meine Arbeit mit einfließen.

EDUCULT: Möchten Sie über Ihre Kunstwerke den Betrachtern etwas mitteilen, z.B. über Ihre derzeitige Situation, über Ihre Heimat und die politische Lage in Syrien oder auch Ihre eigene Vergangenheit?

Adel Dauood: In meiner Kunst verarbeite ich alle Arten von Kriegen, nicht nur den Krieg in Syrien, sondern alle Kriege der Welt. Ich habe den Krieg erfahren und mich berührt das Thema zutiefst und es findet sich auch in meinen Arbeiten wieder, meine Sichtweisen darauf, was es heißt, Krieg zu erfahren und wie sich der Krieg auch in den Kämpfen der eigenen Persönlichkeit widerspiegelt. Der Krieg hinterlässt immer seine Spuren, nicht nur in den beteiligten Ländern, sondern vor allem in den Persönlichkeiten und Seelen der Menschen.

Die Botschaft meiner Gemälde ist nicht eine, die man einfach lesen kann, sondern es geht um das, was zwischen dem Betrachter und dem Gemälde entsteht, diese Art der Kommunikation, die sehr individuell ist.

EDUCULT: Das heißt es gibt eine Reihe von Interpretationsmöglichkeiten Ihrer Werke, aus denen man wählen kann?

Adel Dauood: Die Betrachter sollen meine Gemälde mit ihren Blicken abtasten und so eine Ahnung davon bekommen und erfühlen, was in mir kämpft und arbeitet. Ich möchte nicht mit Worten davon erzählen oder beschreiben, was ich in Syrien erlebt habe, sondern die Menschen erfahren es über meine Gemälde. Der Betrachter kann mit meinen Kunstwerken über die Sinne in Kontakt treten und somit auch eine Ahnung von mir und meinen Ansichten bekommen. In Syrien bin ich erstmals den Gemälden von Egon Schieles begegnet und genau diese besondere Erfahrung, die ich in der Begegnung mit seinen Werken erlebt habe, möchte ich auch mit meiner Kunst ermöglichen.

EDUCULT: Welche Unterschiede bezüglich der künstlerischen Praxis haben sie in Syrien (auch vor dem Krieg) und in Österreich erfahren?

Adel Dauood: Ich bin sehr dankbar, dass ich hier sehr frei in meiner Kunst agieren kann. Meiner künstlerischen Arbeit sind in Österreich und in Europa keine Grenzen gesetzt und ich kann jedes Thema bearbeiten und präsentieren, das mich interessiert. In Syrien ist alles von der politischen Situation bestimmt und das hat mich von meiner Kunst und meinen Ideen abgelenkt, auch weil stets der Druck der Regierung da war, die die künstlerische Arbeit zensuriert. Alles wird von einer politischen Perspektive aus betrachtet, selbst wenn es im Kunstwerk gar nicht politisch gemeint ist. Das hat mich in meiner Arbeit sehr eingeschränkt und auch verunsichert. Ich konnte mich künstlerisch nicht so frei entfalten und wusste auch nicht genau, was ich eigentlich machen will. In Syrien gibt es von allen Seiten her Druck und Einschränkungen. Auch der religiöse Druck ist stark und mit vielen Hindernissen verbunden. Aber hier in Wien kann ich im Grunde alles machen und es ist für mich sehr eine positive Erfahrung, dass ich ausdrücken kann, was ich fühle, während ich in Syrien vielen Einschränkungen ausgesetzt war, ob es nun familiäre, akademische oder auch politische waren.

EDUCULT: Sie meinten, dass Sie vor allem „im Moment leben”. Haben Sie aber auch Perspektiven für Ihre Zukunft, beispielsweise wenn eines Tages der Krieg zu Ende sein wird? Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft als Künstler vor? Was könnte das Ende des Krieges auch für Ihre künstlerische Arbeit bedeuten?

Adel Dauood: Der Krieg wird nie zu Ende sein. Der Krieg ist nicht nur im Land präsent, sondern hat sich in mir eingenistet. In meiner Arbeit beschäftigt mich nicht nur der Krieg in Syrien, das ist nicht mein Hauptthema. Wenn ich von Krieg spreche, meine ich nicht bloß den Kriegszustand in Syrien, sondern jenen der gesamten Welt und somit auch den Krieg in mir, das, was ich in mir fühle. Der Krieg beherrscht uns alle.

EDUCULT: Das heißt der Krieg wird immer eine essentieller Bestandteil Ihres Lebens sein, ob er nun in Syrien herrscht oder anderswo in der Welt?

Adel Dauood: Vielleicht ist es ein arabischer Ausdruck, aber wenn ich von Krieg spreche, dann geht es auch immer um die Konflikte in mir selbst, die ich in meiner Kunst zum Ausdruck bringe.

EDUCULT: Ist es für Sie von Bedeutung, wo Sie Ihre Zukunft verbringen werden, ob in Syrien, Österreich oder anderswo?

Adel Dauood: Ich lebe gerne hier in Wien und denke, dass ich erstmal hier bleiben werde, aber natürlich möchte ich meine Arbeiten der ganzen Welt präsentieren. Wien erinnert mich auch an Damaskus und das Aufwachsen in einem kulturellen Umfeld, oder besser gesagt, ich würde mir wünschen, dass Damaskus eines Tages auch wieder so sein wird.

EDUCULT: Fühlen Sie sich wohl und anerkannt hier in Wien oder erfahren Sie auch unangenehme Situationen in der Stadt?

Adel Dauood: Ich kann nicht in die Zukunft blicken und daher auch nicht wissen, wie meine Arbeit hier akzeptiert werden wird. Es kommt, wie es kommen wird. Aber die ersten Monate hier waren sehr schwer für mich, so wie es für viele Flüchtlinge ist. Ich lebte in einem Asylzentrum der Caritas in der Mariannengasse. Ich habe dort mit acht anderen Menschen in einem Zimmer gewohnt. Dann hatte ich einen Freund aus einer Galerie, wo ich malen konnte. Das war das einzig Positive zu der Zeit für mich. Nachdem ich neun Monate in dem Haus der Caritas gewohnt habe, gab es eine Ausschreibung des ESSL Museums für eine Ausstellung, bei der 756 Künstler teilgenommen haben und schließlich nur 23 eingeladen wurden. Ich war einer davon. Sie mochten meine Arbeiten und so bekam ich auch einige Verbindungen zu Galerien, die meine Arbeiten schätzen. Das hat mir einige Türen geöffnet.

EDUCULT: Das heißt, einerseits haben Sie als Flüchtling beispielsweise durch die Caritas Unterstützung erfahren, aber auch als Künstler von Einzelpersonen und Galeristen, die an Ihrer Arbeit interessiert waren und sie auch ausstellen wollten.
 

Adel Dauood: Ja, es hat aber alles eigentlich bei der Caritas angefangen, die mich in gewisser Weise von der Straße geholt hat und mir eine Perspektive gegeben hat, selbst wenn die Umstände anfangs nicht ideal waren. Die herzliche Kommunikation und das Verständnis von Seiten der Caritas und den Menschen in Wien haben mich sehr unterstützt. All diese Erfahrungen fließen auch in meine Arbeit mit ein. Ich habe auch ein Gemälde für die Caritas gemalt, das ich verkauft habe und dessen Reinerlös als Dankeschön an sie zurückging.

EDUCULT: Haben Sie Ambitionen, ein international bekannter Künstler zu sein, also nicht nur in Syrien oder Österreich?

Adel Dauood: Ich möchte gerne auch im internationalen Kunstzirkus mitspielen, aber primär bin ich meinen Gemälden, meiner Kunst, verpflichtet. Sie sind mein Zuhause, nicht Syrien oder Österreich. Es geht mir im Grunde nur um meine Gemälde.

EDUCULT: Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns sehr auf die Präsentation Ihrer Werke und die Vernissage am 10. November in Ihrer Anwesenheit und sind sehr froh und dankbar, dass wir im Rahmen unserer Ausstellung SHIFTING MEMORIES einige Ihrer Werke zeigen und mit in Kontakt treten dürfen. Vielen Dank für diese Möglichkeit!

Adel Dauood: Es ist mir eine große Freude, meine Arbeiten hier zeigen zu können. Es ist eine gute Erfahrung und ich freue mich darauf.

 

Wir bedanken uns herzlich bei Hussam N. Alsawah für die Unterstützung als Dolmetscher für Arabisch während des Interviews!